Christian Ottemann

Dem Herzensgebet auf der Spur
Von Olav Hanssen zu Graf Dürckheim

Angestoßen durch die Verkündigung des Hermannsburger Evangelisten Klaus Vollmer kam ich als Student an der Universität in Heidelberg zum Glauben. Um an die Quellen dieser Verkündigung näher heranzukommen, verließ ich 1972 meinen damaligen Wohn- und Studienort und ging an das Missionsseminar in Hermannsburg. Zunächst absolvierte ich dort die „Mitarbeiterschule", einen siebenmonatigen Schulungskurs für Laien-Mitarbeiter. 1973 begann ich das reguläre Theologiestudium als „Missionszögling" dort am Seminar.

An vielen Meditationsfreizeiten und Einkehrtagen des Seminars und der Bruderschaft „Koinonia" nahm ich seitdem teil, - mit Begeisterung. Auf diesen Freizeiten praktizierten wir die „Meditation" bzw. „Betrachtung" im Umgang mit Worten der Bibel oder mit Themen des geistlichen Lebens. Theoretischer Leitfaden war für uns die einschlägige „Koinonia"-Literatur, vor allem das Buch „Leben heißt Sehen" (Anm. 1). Meine persönliche Praxis - sowohl bei den Einkehrzeiten als auch in der täglichen „Stillen Zeit" - war überwiegend geprägt von der Anleitung und Begleitung durch Pastor Dr. Reinhard Deichgräber, einen der theologischen Lehrer des Seminars, der damals auch die „Mitarbeiterschule" leitete.

Als ich 1974 zum ersten Mal die von Olav Hanssen verfasste „Regel der Koinonia" in die Hand bekam, fand ich darin genau das wieder, was mich damals innerlich bewegte. Zum einen faszinierte mich das, was über die kollektive Berufung dieser Gemeinschaft darin zu lesen war:

„Die Koinonia versteht sich als eine Bruderschaft des Gebetes. Sie hat eine kontemplative Berufung. Sie weiß, daß das kein Verzicht auf die Tat, die actio, sein darf, aber sie weiß auch mit unerschütterlicher Gewißheit, daß nur solche actio geistlich fruchtbar ist, die aus der contemplatio erwächst. Ihre Regel lautet deshalb: Widme dem betrachtenden Gebet soviel Zeit, daß dein übriges Tun aus einer lebendigen Erfahrung der Gegenwart Gottes erwächst."

Zum andern fühlte ich mich verstanden in meinem Fragen nach der eigenen Berufung:

„Wer ist denn nun in besonderer Weise zu einem Leben des Gebetes berufen? Es ist der Mensch, den seine Sehnsucht und Leidenschaft weit über das hinaustreiben, was Heimat und Besitz, Freundschaft und Ehe, Wissen und Reisen, ja selbst christliche Aktivitäten ihm zu bieten vermögen. Es ist der Mensch, der von einer geradezu metaphysischen Unzufriedenheit ergriffen ist, die nur in der Ewigkeit, in der Gegenwart Gottes zur Ruhe kommt. Er muß beten, oder er verliert den Boden unter den Füßen; er muß beten, oder er ist zum Leerlauf und zur Unfruchtbarkeit verurteilt." (Anm. 2)

Seit 1975 gehörte ich selbst dann zur „Koinonia", genauer gesagt: zum nicht-monastischen Teil der Bruderschaft, der sogenannten „Roten Koinonia". Das in der „Regel der Koinonia" vorgesehene regelmäßige Beten und Meditieren - möglichst eine volle Stunde jeden Tag - gehörte nun für mich zum Alltag meines Lebens. Aber wie und womit konnte ich nun diese Stunden des Gebetes füllen?

Neue Anregung und Herausforderung fand ich in Olav Hanssens gerade neuerschienenem Buch „Das betrachtende Gebet". Neu und herausfordernd war für mich darin vor allem der Abschnitt „Das Gethsemanegebet und das Herzensgebet der Ostkirche" (Anm. 3).

Das Herzensgebet der Ostkirche - so Olav Hanssen - erweist sich als „eine besonders hilfreiche Methode, die mit ziemlicher Sicherheit zu dem gewünschten Ziel führt", nämlich: uns „wirkungsvoll auf ein Wort der Heiligen Schrift zu konzentrieren", ohne dass dabei unsere Gedanken „pausenlos ... wie die Affen umherspringen."

Im Unterschied zum klassischen Herzensgebet der Ostkirche mit seinem Gebetswort „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner" empfahl Hanssen als Gebetsformel das „Herzensgebet Jesu" aus der Gethsemane-Geschichte: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst." Für das praktische Üben einschließlich der geeigneten „Atemtechnik" gab Hanssen ausführliche Anweisungen:

„Der Beter richtet völlig entspannt und konzentriert seine innere Aufmerksamkeit auf sein Herz (deshalb Herzens-Gebet!), genauer, auf die Körperstelle oberhalb seines Herzens. Das Herz ist dabei zugleich symbolisch als Sitz der seelischen und geistigen Kräfte des Menschen verstanden... Gerade die Einheit von Seele und Geist an einem leiblichen Ort ist wichtig...

Wir atmen bewusst, und zwar in dem Dreischritt:
- Ausatmen (möglichst lange)
- entspannte Pause
- Einatmen.
Diese Technik muß sorgfältig geübt werden.

Wir konzentrieren uns jetzt auf das Gethsemane-Gebet Jesu: ‚Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst'... Dabei verfahren wir folgendermaßen:
a) ‚Mein Vater, nicht wie ich will...": Ausatmen. Der Eigenwille, alle bösen Gedanken verlassen das Herz.
Das Ausatmen entspricht dem Fasten, dem Abend, dem Tod, der Kreuzigung.
b) Entspannte Pause: Die Nachtruhe, das Grab.
c) ‚sondern wie du willst..." Einatmen: Gottes Geist, seine Liebe und Kraft ziehen in unser Herz hinein.
Es ist das Erwachen am Morgen, das Sinnbild der Auferstehung: Es ist alles neu geworden.

Diese Übung werden wir möglichst oft und lange wiederholen. Sie erscheint auf den ersten Blick recht mechanisch. Wer dieses Gebet aber regelmäßig übt, wird es kaum noch missen wollen, hat es doch eine segensreiche, verwandelnde Kraft. Bei hinreichender Übung kann es uns als immerwährendes Beten (Beten ohne Unterlaß) durch den ganzen Alltag begleiten."

Gleich im Sommer 1975 habe ich diese Anweisung zu befolgen versucht, - in freilich oft sehr mangelhafter, auch in zeitlicher Hinsicht begrenzter Form. In einem Zeitraum von vier Wochen einsamen Wanderns in Griechenland und in der Türkei und einem anschließenden dreiwöchigen Kurs „Kloster auf Zeit" im Benediktinerkloster Niederaltaich in Bayern hatte ich dazu einige Gelegenheit.

Auch in den darauffolgenden Monaten, wieder zuhause im Seminar, habe ich mich immer wieder um das Gethsemanegebet bemüht und es phasenweise auch praktiziert. Manche Herausforderung und Ermutigung empfing ich in den Jahren 1976 und 1977 durch Einkehrzeiten unter der Leitung von Olav Hanssen selbst. Bei diesen „Einführungen zum Betrachtenden Gebet und zum Herzensgebet" gab er gelegentlich auch Hinweise zu Fragen des Atmens und der leiblichen Entspannung. Insbesondere machte er uns auf die von Alice Schaarschuch entwickelte „Atem- und Lösungstherapie" (Anm. 4) aufmerksam. Die konkrete Einübung einer solchen, dem Herzensgebet entsprechenden „Atemtechnik" war jedoch leider nicht vorgesehen.

In jenen Monaten und Jahren wurde mir nun mehr und mehr bewusst, welche praktischen Probleme ich persönlich mit der Übung des Herzensgebetes hatte. Da war zum einen nach wie vor die innere Affenherde meiner schweifenden Gedanken, zum andern mein immer noch viel zu hoch sitzender, teilweise blockierter Atem. So hatte mein Üben allzu oft noch etwas Angespanntes, Angestrengtes, gelegentlich auch den Beigeschmack einer freudlosen Pflichtübung. Immer dringender stellten sich mir die folgenden zwei Fragen:

1. Welche Art des Übens erleichtert mir persönlich den Schritt vom gegenständlich-diskursiven „Betrachten" zur nicht-diskursiven Stille vor Gott, der „Meditation" bzw. „Kontemplation" im engeren Sinne dieses Wortes?
2. Wie kann ich meinen Leib so in die Übung einbeziehen, dass mein Atem, die äußere Haltung und der Tonus (Spannungszustand) meines Körpers sich zu einem freien, natürlichen Schwingen hin lösen können und so mein Meditieren erleichtern, statt es zu stören oder zu blockieren?

Nach meinem ersten theologischen Examen 1977 legte ich eine zweijährige „spirituelle Orientierungsphase" ein, - nicht zuletzt, um den eben genannten Fragen auf den Grund gehen zu können. Neben einer Halbtagstätigkeit im Hermannsburger Büro der „Koinonia" konnte ich mich nun relativ ungestört den Fragen und Erfahrungen meines inneren Weges widmen.

Reinhard Deichgräber schenkte mir damals das Taschenbuch „Kontemplatives Beten. Die Wolke des Nichtwissens. Eine präzise Anleitung zur kontemplativen Meditation in Parallele zum Zen" (Anm. 5). Herausgeber war Prof. Dr. Willi Massa, der damals gerade das ökumenische Meditationszentrum „Exerzitium Humanum" in Tholey im Saarland gegründet hatte. In einer stark aktualisierten Übersetzung (strenggenommen: Übertragung) begegnete ich hier zum ersten Mal der „Wolke des Nichtwissens", also dem mystischen Traktat „The Cloud of Unknowing" aus dem England des 14. Jahrhunderts. In diesem Klassiker spiritueller Literatur wird tatsächlich eine authentisch christliche Form nicht-gegenständlichen Meditierens beschrieben und gelehrt:

„Gott kann nicht im Denken erkannt werden. Darum ziehe ich es vor, alle Erkenntnis hinter mir zu lassen und den zu lieben, den ich nicht im Denken erkennen kann... Natürlich ist es gut, über Gottes Größe nachzudenken, schon der Einsicht wegen, die solche Betrachtungen mit sich bringen. Doch in der echten kontemplativen Übung musst du all das lassen und mit der Wolke des Vergessens bedecken. Laß nur noch deine liebende Sehnsucht ruhig und gelassen, mutig und froh emporsteigen, um das Dunkel über dir zu durchdringen. Durchstoße diese dichte Wolke des Nichtwissens mit dem Speer deiner liebenden Sehnsucht. Laß nicht nach, mag kommen, was will ..." (S. 38)

Für die Praxis wird die häufige Wiederholung eines kurzen Meditationswortes empfohlen:

„Willst du deine ganze Sehnsucht in ein Wort fassen, das du leicht behalten kannst, ziehe ein kurzes einem langen vor. Am besten ist ein ganz kurzes Wort wie ‚Gott' oder ‚Liebe'. Wähle dir aber eines, das dich anspricht. Nimm dieses Wort so tief in dich hinein, dass es nicht verklingt, was auch kommen mag. Benutze es, um in die Wolke des Dunkels über dir zu stoßen. Alle Zerstreuungen wehre damit ab und bringe sie unter die Wolke des Vergessens..." (S. 39)

Für mich persönlich - auch als Ausgleich gegenüber der teilweise einseitig intellektuellen Ausrichtung meines Theologendaseins - war dieser Weg der „Wolke des Nichtwissens" ausgesprochen anziehend und verheißungsvoll. Darüberhinaus erwachte in mir ein brennendes Interesse am Weg des japanische Zen, dabei vor allem an einer authentisch christlichen „Meditation im Stil des Zen".

„Zen - ein Weg für Christen" (Anm. 6) - so hieß dann auch das nächste Büchlein, das ich in mich aufsog. Sein Verfasser war William Johnston, ein irischer Jesuitenpater, der als Missionar in Japan lebte, gelegentlich aber nach Europa reiste, um auf Meditationskursen eine von ihm praktizierte Form des „Christian Zen" (Christliches Zen) weiterzugeben. Als Schüler des berühmten christlichen Zen-Lehrers Hugo Enomiya-Lassalle SJ verstand es Johnston, die Klarheit und Strenge des Zen mit einer typisch christlichen Liebe, Herzenswärme und Jesus-Bezogenheit zu verbinden. Das faszinierte mich besonders, und ich nahm mir vor, so bald wie möglich ein „Sesshin", also einen mehrtägigen Zen-Kurs, bei Pater Johnston oder einem anderen Lehrer der von ihm vertretenen Richtung mitzumachen.

Die Gelegenheit bot sich schon bald. Im Frühjahr 1978 konnte ich zum ersten Mal an einem Kurs „Meditation im Stil des Zen" teilnehmen, der in der „Christlichen Meditationsstätte Sonnenhaus" in Beuron an der Donau angeboten wurde. Hier erschloß sich mir eine neue Dimension von Selbsterfahrung und meditativem Erleben. In diesen von Pater Bernhard Scherer SJ geleiteten viertägigen „Meditationsexerzitien" (so genannt im Unterschied zu den herkömmlichen Vortrags- und Betrachtungsexerzitien) wurde ich zum einen praktisch angeleitet in „Eutonie" als einem Übungsweg personaler Leiberfahrung (nach Gerda Alexander und Hannelore Scharing). Zum andern lernte ich hier nun wirklich die „Meditation im Stil des Zen" kennen, und zwar in der besonderen Form, die Bernhard Scherer selbst bei Karlfried Graf Dürckheim in Todtmoos-Rütte gelernt und eingeübt hatte. Gleichzeitig verstand es Scherer, diese Übungsform in einer für mich überzeugenden Weise spezifisch christlich zu deuten und mit katholischer Liturgie, Taizé-Gesängen und Kommunikationsformen aus dem Raum der charismatischen Bewegung zu verbinden.

Die Erfahrungen, die ich hier machen konnte, waren für mich sehr hilfreich, ja einfach beglückend. Hier fand ich nun auch eine für mich persönlich zugängliche Antwort auf die zwei Hauptfragen meiner bisherigen geistlichen Übungspraxis:
- die Frage nach dem Übergang vom diskursiven „Betrachten" biblischer Themen und Texte zur nicht-diskursiven Stille vor Gott, also zur „Meditation" bzw. „Kontemplation" im engeren Sinne dieses Wortes, und
- die Frage nach einer Art der „Übung des Leibes", durch die ein freieres, gelösteres Schwingen meines Atems möglich wurde.

In den darauffolgenden Jahren „pilgerte" ich nun mehrere Male zu Pater Scherer nach Beuron. Aber auch andere Meister der „kontemplativen Meditation" bzw. der „Meditation im Stil des Zen" lernte ich nun bei den von ihnen geleiteten Kursen kennen, z. B. Pater William Johnston SJ, Pater Hugo Enomiya-Lassalle SJ und Pater Willigis Jäger OSB. Meine Erfahrungen mit „Eutonie" vertiefte ich unter der Anleitung von Arnold van Ogtrop in Falshöft bei Flensburg.

Von 1979 bis 1983 nahm ich teil an einer Selbsterfahrungs- und Ausbildungsgruppe für Meditations- und Exerzitienanleiter unter der Leitung von Prof. Dr. Willi Massa (Tholey/Saarland) und Franz-Xaver Jans-Scheidegger (Lehranalytiker am C.-G.-Jung-Institut Zürich). Seit 1982 habe ich dann selber - zusammen mit meiner Frau Erika, die die eutonische Körperarbeit anleitete - eine Vielzahl von Meditationskursen gestaltet, - zuerst im Missionsseminar Hermannsburg, dann im Domkloster Ratzeburg, seit mehr als 10 Jahren nun im Ansverus-Haus in Aumühle bei Hamburg. Dabei sind wir - was den Stil unseres Übens und Anleitens betrifft - im Wesentlichen bei dem geblieben, was wir beide zuerst bei Pater Scherer in Beuron kennengelernt hatten.

Immer wichtiger wurde dabei für mich - sowohl in der Praxis als auch in der Theorie - das Werk von Karlfried Graf Dürckheim, den ich 1982 in seiner „Existentialpsychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte" in Todtmoos-Rütte auch persönlich kennenlernte und über dessen „Lehre vom Initiatischen Weg" ich dann meine theologische Doktorarbeit schrieb (Anm. 7).